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BSI-Positionspapier: Sport und Bewegung in Corona-Zeiten

Sport und Bewegung in Corona-Zeiten – Licht und Schatten nah beieinander


In der Rückschau auf das von der Corona-Pandemie geprägte Jahr 2020 gab es aus Sicht des Bundesverbandes der Deutschen Sportartikel-Industrie e.V. neben manchen Lichtblicken leider auch viel Schatten für die Sportbranche. Sport und Bewegung sind einerseits wesentliche Bestandteile des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland und gerade der vergangene Frühling und Sommer haben gezeigt, wie wichtig es den Menschen ist, sich angesichts mal mehr, mal weniger scharfen Kontaktbeschränkungen und eines veränderten Alltags draußen zu bewegen und Sport zu treiben. Von diesem Bewegungsdrang profitierten natürlich auch die Hersteller von entsprechender Ausrüstung. Andererseits waren und sind allerdings die meisten Mannschaftssportarten, Schul- und Schwimmsport und aktuell der Wintersport aufgrund geschlossener Sportplätze, Turnhallen, Schwimmbäder sowie Pisten und Loipen die meiste Zeit des Jahres über nicht oder nur sehr reduziert möglich. Dies trotz vielfach bestehender, vernünftiger Hygienekonzepte, die eine – wenn auch deutlich eingeschränkte – sichere Ausübung des Sports aus unserer Sicht möglich gemacht hätten. Diese radikale Form des Lockdowns spüren die Hersteller von Sportgeräten, Schwimm- und Skiausrüstung in Form erheblicher Umsatzeinbußen. Eine Entwicklung, die sich 2021 nicht wiederholen sollte – wir brauchen auch in Pandemie-Zeiten mehr Augenmaß bei staatlichen Eingriffen in Sport & Bewegung.


Sport und Bewegung spielen für Menschen – von klein bis groß – eine wichtige Rolle für das geistige und körperliche Wohlbefinden, die persönliche Entwicklung und das soziale Verbundenheitsgefühl. Wie groß der Drang nach Bewegung auch als Ausgleich gerade in schwierigen Zeiten ist, konnte man im Frühjahr und Sommer die-ses Jahres sehen, als es eine große Zahl von Menschen zum Sport an die frische Luft und in die Natur trieb. Lau-fen, Nordic Walking, Wandern, Fahrradfahren und Reiten sind nur einige Beispiele für Sportarten, die sich größ-ter Beliebtheit erfreuten und von vielen Sporttreibenden für sich wieder- oder sogar neuentdeckt wurden. Sie alle bieten – wie beispielsweise im Winter auch Skitouren oder Langlauf – natürlich den Vorteil, dass sie auch individuell betrieben werden können und allein dadurch ein offensichtlich niedriges Infektionsrisiko bergen.


Allerdings gibt es auch eine andere Seite der Medaille: Skipisten und Loipen dicht, Sportplätze gesperrt, Turnhallen geschlossen, Schwimmbäder und Fitness-Center zu, – in Corona-Zeiten müssen Sporttreibende, deren Lieblingssportart, ob drinnen oder draußen, ob Individual- oder Teamsport, von gemeinsam genutzter Infrastruktur abhängt, häufig komplett zurückstecken. Besonders betroffen sind Kinder, die aufgrund des Ausfalls von Schulsport ihren natürlichen Bewegungsdrang vielfach nicht ausreichend ausleben konnten. Bei allem Verständnis für notwendige Maßnahmen zum Infektionsschutz und dem Druck auf politische Entscheidungsträger ist der Bundesverbandes der Deutschen Sportartikel-Industrie e.V. nicht überzeugt, dass in allen Fällen das Gebot der Verhältnismäßigkeit gewahrt wurde. Sinnvolle und praktikable Hygiene- und Sicherheitskonzepte zur Ermöglichung von Sport und Bewegung blieben unseres Erachtens nach zu oft unberücksichtigt bzw. konnten sich nicht ausreichend in der Praxis beweisen.


Die Hersteller von Sportartikeln, wie auch der vom Sportbetrieb stark abhängige Sportfachhandel, sind durch derartige Einschränkungen und das teilweise Verbot von Sporttreiben massiv betroffen, haben hohe Umsatzausfälle und bangen teilweise um ihre Existenz. Sollte Sport weiterhin eingeschränkt oder in weiten Teilen gar unmöglich bleiben, werden massive staatliche Hilfen notwendig sein, um diese eigentlich wirtschaftlich gesunden und erfolgreichen Unternehmen zu stützen und die vielen regionalen Arbeitsplätze zu sichern.


Wir appellieren daher an die politischen Entscheidungsträger, bei der Einschränkung von Sport und Bewegung mit Augenmaß vorzugehen. Ein komplettes Verbot von Schul-und Vereinssport bspw. wäre das Gegenteil dessen, da es weder notwendig noch verhältnismäßig ist. Bei allen notwendigen Einschränkungen sollte die Politik immer auch im Auge behalten, welche hohe Bedeutung Sport und Bewegung für die Menschen und die Gesellschaft insgesamt haben. Wo immer Sport mit vertretbar geringem Infektionsrisiko stattfinden kann, muss er auch möglich bleiben.


Sportsegmentübergreifende Einschätzungen zur Corona-Pandemie und ihren Folgen


Ein Blick in die verschiedenen im BSI vertretenen Sportsegmente zeigt, wie unterschiedlich die Folgen der Corona-Pandemie sind. Wir haben die Vorsitzenden der verschiedenen BSI-Fachgruppen um ihre jeweilige Einschätzung gebeten.


Johannes Maier und Andreas Kübler, Vorsitzende der BSI-Fachgruppe Turn- und Sportgeräte:

„Durch die Corona-Pandemie wurden zeitweise Sport- und Bewegungsaktivitäten in Schulen, Kindertagesein-richtungen, Turn- und Sportvereinen und Spielplätzen nahezu vollständig heruntergefahren. Dabei ist Bewe-gung gerade in Zeiten gesundheitlicher Herausforderungen eine wichtige Ressource und hat neben dem allge-meinen gesundheitsfördernden Nutzen eine positive Wirkung auf das Immunsystem. In der aktuellen Situation zeichnen sich auch für die Hersteller und Dienstleister, die sich der Konzeption, dem Bau und der Sanierung ak-tivierender schulischer und außerschulischer Bewegungsräume verschrieben haben, empfindliche Einschnitte ab, die nicht ohne Weiteres kompensiert werden können. Bei anhaltender Krise und eingeschränkten organi-sierten Sport- und Bewegungsangeboten drohen trotz Kurzarbeit der Verlust von Arbeitsplätzen und die Insol-venz von mittelständischen Unternehmen. Die heimische Branche wird dann den gesellschaftlichen Bedarf für Sport- und Bewegungsaktivitäten nicht mehr ausreichend abdecken können. Für das Jahr 2021 wünschen wir uns von der Politik sowohl auf Bundes-, Landes- als auch kommunaler Ebene, unter Anwendung angemessener Hygienekonzepte Schul- und Vereinssport zu ermöglichen und den Sanierungs- und Neubaubedarf für mo-derne, attraktive öffentliche Sport- und Bewegungseinrichtungen trotz zusätzlicher finanzieller Belastungen der Haushalte weiterhin im Blick zu behalten.“


Siehe dazu auch das Positionspapier der BSI-Fachgruppe Turn- und Sportgeräte zu Bewegung in Corona-Zeiten.


Wolfgang Kraus, Vorsitzender der Fachgruppe Schwimmsport:

„Die Zahl der Schwimmbäder in Deutschland war bereits vor der Corona-Pandemie rückläufig, gleichzeitig nahm der Ausfall von Schwimmunterricht an Schulen stetig zu – mit besorgniserregenden Auswirkungen auf die Schwimmkompetenz junger Menschen. Die Anzahl der Nichtschwimmer oder nicht sicheren Schwimmer in Deutschland steigt beständig. Diese Situation hat sich 2020 noch einmal drastisch verschärft. Schulschwimmen fand je nach Bundesland oder Kommune, wenn überhaupt, nur sporadisch statt, Vereinsschwimmen war auf-grund entsprechender Verordnungen meist untersagt. Die andauernde Schließung von Bädern bringt nicht nur die Betreiber, sondern auch Schwimmvereine, die von Mitgliedsbeiträgen und Einnahmen aus Schwimmkursen abhängen, in finanzielle Bedrängnis. Aufgrund nicht ausreichender Wasserflächen können die entfallenen Kurse auch nicht einfach nachgeholt werden. Bäder dienen natürlich nicht nur dem Schwimmenlernen: Sie sind Erleb-nisraum, Trainingsorte für den Freizeit- und Leistungssport und werden nicht zuletzt im Rahmen der Gesund-heitsförderung für therapeutisches Schwimmen und Kuren genutzt. Wir sind überzeugt, dass durch den Wegfall entsprechender Angebote an anderer Stelle Gesundheitsrisiken entstehen. Die Politik hat es unserer Ansicht nach versäumt, Hygienekonzepte, die im Sommer wenigstens die eingeschränkte Nutzung von Freibädern ermöglicht haben, weiter zu entwickeln und auf die Hallenbadsaison anzupassen. Vorschläge dafür gab es reichlich. Für 2021 erwarten wir uns im daher Sinne des Schwimmsports von der Politik, das Schulschwimmen wiederaufzunehmen, Vereinssport unter Anwendung angemessener Hygienekonzepte zu ermöglichen und finanziell angeschlagene Kommunen und private Träger von Schwimmbädern sowie Vereine finanziell zu unterstützen und zu fördern. Schwimmen ist eine der beliebtesten und meistbetriebenen Sportarten in Deutschland - unser Land ist eine Bädergesellschaft und sollte dies auch bleiben.“


Jan Lorch, Mitglied des Präsidiums und Vorsitzender der Fachgruppe Outdoor:

„Sport an der frischen Luft und in der freien Natur ist gerade in Pandemie-Zeiten ein wichtiger Faktor für das körperliche und seelische Wohlbefinden. Laufen, Nordic Walking, Fahrradfahren, Klettern oder Wandern bei-spielsweise, waren für viele Menschen aus allen Gesellschafts- und Altersgruppen während der vergangenen Monate die Sportarten der Wahl. Diese Outdoor-Sportarten zeichnet insbesondere aus, dass ihre Ausübung individuell und/oder in Kleinstgruppen ausgeübt werden kann und somit weniger bis gar nicht durch Social Dis-tancing-Regelungen oder die Schließung von Sportstätten betroffen ist. Durch den Verkauf von entsprechen-dem Equipment wie Lauf- und Wanderschuhen, Fahrradtaschen und -Bekleidung sowie Kletterausrüstung konnten die Folgen der Krise für einige Hersteller etwas abgefedert werden. Gerade in winterlichen Zeiten sind die positiven Effekte von Sport und Bewegung an der frischen Luft auf das Immunsystem und die Psyche noch viel stärker – zu den oben genannten Sportarten kommen jetzt beispielsweise Skilanglauf, Schneeschuhgehen, in Alpennähe Skitouren als Sportarten mit geringem Ansteckungsrisiko hinzu. Von der Politik sollte in den kom-menden Monaten eine sichere, nach transparenten und möglichst deutschlandweit einheitlichen Regelungen erlaubte, sportliche Betätigung der Bevölkerung im Freien, in den Wäldern und Bergen noch viel stärker als bis-lang ermutigt und ermöglicht werden.“


Frank Hölscher, Vorsitzender der Fachgruppe Pferdesport:
„2020 hat erneut gezeigt: In unsicheren Zeiten wird der Kontakt zwischen Mensch und (Haus-)Tier noch einmal intensiver. Auch viele Reiter, Fahrer und Co. haben in den Phasen von Lockdowns und Kontaktbeschränkungen vermehrt die Nähe zum Tier gesucht und viel Zeit in die Pflege und in die Bewegung ihres Pferdes investiert. Das war möglich, weil der Pferdesport zum Glück weniger eingeschränkt war als andere Sportarten: Schon aus Tierschutzgründen musste der Zugang zum Tier weiter möglich bleiben. Der Verkauf von Tierprodukten war auch dann nicht eingeschränkt, als der Einzelhandel in den Lockdown geschickt wurde – das war wichtig und sollte auch in Zukunft immer möglich bleiben. Pferdesport kann im Sinne des Infektionsschutzes zudem auch alleine in der Natur ausgeübt werden. Aus diesen Gründen sind die Hersteller von Pferdesportartikeln – bei allen Unterschieden zwischen den verschiedenen Produktgruppen – wirtschaftlich einigermaßen glimpflich durch die Corona-Krise gekommen. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gehen allerdings auch nicht spurlos am Pferdesport vorbei: Turniere und Wettbewerbe als für unsere Branche nicht unerheblicher Wirt-schaftsfaktor wurden vielfach abgesagt, Reitunterricht in der Halle als wichtiger Teil der Nachwuchsarbeit war stark eingeschränkt. Dies ist auf Dauer nicht zielführend für Pferd und Reiter: Ein Lebewesen, das gewohnt ist jeden Tag bewegt zu werden, ist nicht ausgelastet, wenn es nur zehn Minuten am Tag geführt wird. Möglichkeiten und Regeln für Reitunterricht sollten in zukünftige Pandemie-Konzepte unter Berücksichtigung bestehender Hygienekonzepte integriert und mit allen beteiligten Stakeholdern und Interessensverbänden entwickelt wer-den. Wir brauchen einheitliche, dem Pferdesport angemessene Regelungen hinsichtlich Zahl der Tiere und Per-sonen in der Halle, die seine Ausübung über das bloße Bewegen der Pferde möglich machen. In das Jahr 2021 blicken wir als Pferdesportindustrie vorsichtig optimistisch, hoffen aber gleichzeitig, dass die bestehenden Einschränkungen unseres Sports möglichst bald gelockert werden können.“


Udo Stenzel, Vorsitzender der Fachgruppe Wintersport:
„Es ist absolut nachvollziehbar, dass der Wintersport in dieser Saison nicht wie gewohnt stattfinden kann. An Aprés Ski und normale Skiurlaube ist selbstverständlich nicht zu denken. Dennoch sprechen wir uns aus verschiedenen Gründen dafür aus, den Menschen im eingeschränkten Rahmen im Winter/Frühjahr 2021 ihren Wintersport zu ermöglichen und nicht komplett zu verbieten. Verschiedene Regelungen in Deutschland und den europäischen Nachbarstaaten in Bezug auf Einreisebestimmungen, Quarantänepflichten und Einschränkungen der Hotellerie und Gastronomie und nicht zuletzt das eigene Verantwortungsbewusstsein der Bevölkerung sorgen bereits heute dafür, dass große Touristenströme in die Skigebiete ausbleiben werden. Auf Skipisten und in Loipen gibt es zudem ausreichend Platz für Alle. Der Aufenthalt in Kabinenbahnen ist deutlich kürzer und die Belüftung besser als in Einrichtungen des öffentlichen Nahverkehrs, und ohnehin sind viele Aufstiegsanlagen entweder Schlepplifte oder Sessellifte, in denen die Sportler komplett an der frischen Luft sitzen. Nicht zuletzt ist die wirtschaftliche Bedeutung von Tagesausflügen für die deutschen Wintersportgebiete, die Seilbahnbetreiber, die Hersteller von Skiausrüstung, Sportfachhändler und Verleihstationen sehr hoch. Sie alle mussten bereits in diesem Jahr (kein Wintersport zu Karneval, Ostern und jetzt Weihnachten!) erhebliche Umsatzeinbußen hinnehmen, die viele ohne staatliche Unterstützung nicht verkraften werden. Sollten die Lifte und Loipen den kompletten Winter über oder gar bis Ostern geschlossen bleiben müssen, werden 2021 noch viel mehr staatli-che Hilfe notwendig sein, um diese eigentlich wirtschaftlich gesunden und erfolgreichen Unternehmen zu stüt-zen und die vielen regionalen Arbeitsplätze zu sichern.“


Siehe auch das Positionspapier des BSI zu verantwortungsvollem Wintersport während der Corona-Pandemie


BSI – Bundesverband der Deutschen Sportartikel-Industrie e.V. ist der 1910 gegründete Unternehmens-verband der deutschen Sportartikelhersteller, -importeure und -großhändler. Ihm gehören circa 150 füh-rende, meist mittelständisch geprägte Firmen an. Die im BSI organisierten Mitglieder erwirtschaften einen Jahresumsatz von ca. 35 Milliarden Euro. Der BSI ist Mitglied des Verbandes der europäischen Sportartikel-hersteller FESI mit Sitz in Brüssel. Der BSI ist ideeller Träger der ISPO Munich, der Weltmesse des Sports und der TourNatur bei der Messe Düsseldorf. Gleichzeitig ist er Förderer der Messe FSB in Köln

 

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